Arithmetische Geometrie
Topologie und Differentialgeometrie
Rigide Geometrie
Analytische Geometrie und Differentialgleichungen
Nichtkommutative Geometrie und topologische Algebren
"Ein Artikel von Prof. J. Cuntz über nichtkommutative Geometrie und ihre Stellung im SFB"
Ein zentrales Hilfsmittel zum Studium arithmetischer Varietäten
sind diverse Kohomologietheorien, wie die étale, die Hodge-, die
kristalline und die de Rham-Theorie. Diese Theorien haben Werte in
gewissen Kategorien und sind durch Vergleichsmorphismen miteinander
verbunden. Nach einer zentralen Einsicht Grothendiecks sollten alle
diese Theorien von einer universellen Kohomologietheorie mit Werten
in der abelschen Kategorie der "Motive" herkommen. Die Konstruktion
und die Untersuchung der Eigenschaften von Motiven nehmen in der
heutigen arithmetischen Geometrie einen großen Raum ein. Das
Teilprojekt A1 ist u.a. diesen Fragen gewidmet. Die wohl
interessanteste Invariante eines Motivs ist seine L-Funktion, in
welcher unendlich viele lokale Informationen durch einen Grenzprozeß
kodiert sind. Die Beilinson-Vermutungen stellen einen Zusammenhang
her zwischen speziellen Werten dieser L-Funktionen und gewissen
globalen Invarianten, den algebraischen K-Gruppen, an denen man
besonders interessiert ist. Diese Vermutungen sind mit den heutigen
Methoden nicht allgemein angreifbar. Im Teilprojekt A2 sollen sie
für relativ gut beherrschte Klassen von Shimura-Varietäten angegangen
werden. Es gibt allerdings einen bisher nur vermuteten Formalismus
unendlich-dimensionaler Kohomologiegruppen, der es erlauben würde,
motivische L-Funktionen und insbesondere Teile der
Beilinson-Vermutungen kohomologisch zu verstehen. An der
geometrischen Realisierung dieses Formalismusses mit Hilfe der Theorie
dynamischer Systeme soll ebenfalls im Teilprojekt A1 gearbeitet
werden.
Motive hängen über das Langlands-Programm und die Arthur--Selbergsche
Spurformel auch mit automorphen Darstellungen und konkreter mit
automorphen Formen und Modulformen zusammen, die in A3 in
interessanten Spezialfällen weiter untersucht werden sollen. Dabei
spielt die Geometrie des Laplace-Operators und die Theorie der
diskreten arithmetischen Gruppen naturgemäß eine große Rolle.
Die kürzlich gefundenen überraschenden Zusammenhänge mit der
Konstruktion guter Codes sollen ebenfalls in A3 weiter ausgebaut
werden. Schließlich gibt es neben Invarianten wie den algebraischen
$K$-Gruppen, bei denen nur lineare Strukturen (Vektorbündel)
eingehen, auch Invarianten von Varietäten, die nicht-lineare
Strukturen (quadratische Formen auf Vektorbündeln) einbeziehen.
Über diese Witt-Gruppen ist erst sehr wenig bekannt. Ihre
Untersuchung bildet den Schwerpunkt im Teilprojekt A4.
Natülich gibt es weitere Aspekte dieses Projektes, die von Interesse sind. Es werden Mannigfaltigkeiten mit positiver Schnittkrümmung untersucht, insbesondere Sphärensätze und pinching-Resultate sind von Interesse. Die Theorie der Gebäude, die sich ähnlich wie Mannigfaltigkeiten mit nicht-positiver Schnittkrümmung und wie symmetrische Räume verhalten, ist wesentlich für die Darstellungstheorie p-adischer Gruppen und damit auch für die Baum-Connes-Vermutung für solche Gruppen. L²-Invarianten wie die L²-Betti-Zahlen, Novikov-Shubin-Invarianten und die L²-Torsion sind einerseits analytischer Natur, spiegeln aber auch die Geometrie der zugrundeliegenden Mannigfaltigkeiten wieder und haben auch Anwendungen auf rein gruppentheoretische Fragen. Im Zusammenhang mit den Isomorphismus-Vermutungen ergeben sich interessante homotopietheoretische Fragen, deren Lösung beispielsweise zu einer Verallgemeinerung des Komplettierungssatzes von Atiyah und Segal für die topologische K-Theorie von BG einer endlichen Gruppe G auf diskrete Gruppen G führen könnte.
Gab es anfänglich, besonders in Dimension 1, noch Alternativen zur rigiden Geometrie à la Tate, so hat sich letztere Theorie inzwischen als ein universelles Instrumentarium durchgesetzt, das in besonders effektiver Weise dazu geeignet ist, analytische Problemstellungen mit Koeffizienten aus p-adischen Körpern oder allgemeineren nicht-archimedischen Basisbereichen zu handhaben. Dementsprechend gibt es heute eine Vielzahl von Anwendungen, neben obigen Beispielen etwa zu verschiedenen Kohomologietheorien, zur Darstellungstheorie, zu p-adischen Differentialgleichungen oder zur p-adischen Integrationstheorie.
Im Sonderforschungsbereich sollen einerseits die Grundlagen der rigiden Geometrie weiter ausgebaut werden, insbesondere was die Verwendung von Methoden der formellen Geometrie angeht. Zum anderen sind konkrete Anwendungen geplant, die von Néron-Modellen und deren Komponentengruppen über die étale Kohomologie und topologische Methoden bis zur Darstellungstheorie reichen.
Eine ähnliche Rolle spielt die komplexe analytische Geometrie für die rigide Analysis.
Es gibt viele Parallelen zwischen dem algebraischen und analytischen Fall, aber auch charakteristische Unterschiede, etwa bei der Frage nach der Kompaktifizierbarkeit. Auch bei algebraischen Varietäten ist die Möglichkeit des Übergangs zum analytischen Kontext wichtig, z.B. bei der universellen Überlagerung.
Noch anschaulicher sind die reelle algebraische und analytische Geometrie, nicht nur aus Dimensionsgründen, sondern auch wegen der Möglichkeit der globalen Einbettung in einen euklidischen Raum. Komplikationen entstehen allerdings dadurch, daß der Körper der reellen Zahlen nicht algebraisch abgeschlossen ist. Oft hilft der Vergleich mit der Komplexifizierung, ein Vorgehen, das seine Parallelen in der abstrakten algebraischen Geometrie hat.
Die komplexe algebraische Geometrie hat umgekehrt wesentliche Impulse durch die stürmische Entwicklung der arithmetischen Geometrie empfangen. Hierzu gehört insbesondere die Weiterentwicklung der Hodge-Theorie, die Parallelen zur l-adischen Kohomologie waren bei der Entwicklung des Begriffs der gemischten Hodge-Struktur durch P.Deligne entscheidend. Andere Impulse gingen von der Theorie der Differentialgleichungen aus (Stichwort: D-Moduln). Eine Verschmelzung beider Theorien ist M.Saito mit seinem Begriff der gemischten Hodge-Moduln gelungen. Damit ist ein mächtiges Werkzeug für weitere Untersuchungen gegeben.
Die Theorie der D-Moduln ist eine Weiterentwicklung der klassischen Theorie der linearen Differentialgleichungssysteme, insbesondere knüpft die Riemann-Hilbert-Korrespondenz an das klassische Riemann-Hilbert-Problem an. Vergleichbare Fragen geometrischer Natur ergeben sich bei nichtlinearen Differentialgleichungen.
In der reellen algebraischen und analytischen Geometrie ist es sinnvoll, auch semialgebraische bzw. subanalytische Mengen einzubeziehen, da die Kategorie der reell-algebraischen bzw. reell-analytischen Räume nicht stabil bezüglich eigentlicher Abbildungen ist. Ein anderes Motiv für diese Einbeziehung ergibt sich, wenn man von den obigen eher kohomologischen Untersuchungen zu geometrischen Fragen übergeht.
Von der Geometrie her sind glatte Varietäten am einfachsten zu verstehen. Beim Auftreten von Singularitäten kann man versuchen, mittels einer Partition in glatte St\"ucke - einer Stratifikation - auf den glatten Fall zu reduzieren. Stratifikationen bilden unter anderem ein wichtiges Hilfsmittel für die Frage nach der topologischen Trivialität von Familien von Varietäten. Im komplexen Fall sind die Strata vom Standpunkt der algebraischen Topologie noch recht kompliziert, dagegen kann man reell-algebraische bzw. subanalytische Stratifikationen finden, die gleichzeitig eine Zellenzerlegung oder sogar eine Triangulierung darstellen; dadurch ergibt sich ein Bezug zur kombinatorischen Topologie.
Hier ergeben sich nun Fragen nach der Endlichkeit und der Abschätzung für Größen, die die jeweils möglichen Fälle qualitativ beschreiben. Dies betrifft auch differentialgeometrische Größen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß selbst glatte semialgebraische bzw. subanalytische Mengen bei Annäherung an den Rand ein differentialgeometrisch kompliziertes Verhalten aufweisen.
Die Grundlage für den Teilbereich E bildet ein weitgespanntes allgemeines Programm innerhalb der Nichtkommutativen Geometrie, das eine ausgeprägte eigene Entwicklungslogik hat, die die Probleme, die in jedem Stadium gelöst werden müssen, zum großen Teil vorgibt. Bei der Abarbeitung dieser Probleme sind in den letzten Jahren (insbesondere im Rahmen der von der DFG von 1990 bis 1996 geförderten Forschergruppe "Topologie und Nichtkommutative Geometrie") sehr weitgehende und bis vor kurzem unerhoffte Fortschritte erzielt worden. Wichtigster Bestandteil des Programms ist der Ausbau, die Entwicklung und Anwendung zweier für die Nichtkommutative Geometrie zentraler technischer "Maschinen", nämlich der zyklischen Homologie/Kohomologie auf der einen Seite, sowie der bivarianten K-Theorie auf der anderen. Teile dieser Theorien (etwa die bivariante K-Theorie für C*-Algebren sowie seit kurzem die periodische zyklische Theorie) sind schon gut verstanden, andere (etwa die bivariante K-Theorie für lokalkonvexe Algebren) müssen noch neu entwickelt und ausgebaut werden. Die Beziehungen zwischen den beiden Theorien (insbesondere der sogenannte Chern-Connes-Charakter) fangen erst jetzt an, wirklich klar zu werden. Die Entwicklung dieses Apparats geht Hand in Hand mit Anwendungen auf geometrische Probleme. Die Teilprojekte E1, E2, E3 beschäftigen sich mit verschiedenen Aspekten des großen Programms und hängen dementsprechend inhaltlich eng zusammen. Außerdem sollen in diesen Teilprojekten eine Reihe von Fragen, in denen die allgemeinen Theorien zur Anwendung kommen, bearbeitet werden.
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